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      Geht Der Kauf

          Lebensmittel: Warum wir einen pragmatischen Ansatz brauchen

          Putins Krieg in der Ukraine ist das jüngste in einer langen Reihe von Ereignissen, die die Unsicherheit unseres globalen Lebensmittelsystems offengelegt haben.

          Die Folgen der russischen Invasion haben tiefgreifende Fragen darüber aufgeworfen, wie wir unsere Lebensmittelkrise bewältigen können. Wird die Menschheit sich dieser Thematik weiterhin mit endlosen Konferenzen und Nabelschauen widmen? Oder entscheiden wir uns, einen pragmatischen Weg und unternehmen konkrete Schritte, um die verschiedenen Herausforderungen des Systems zu bewältigen (so wie wir es bereits bei der Energieerzeugung)?

          Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat in vielen Teilen der Welt bereits zu Situationen geführt, die Hungersnöten nahekommen. Als unsere Lebensmittelversorgungsketten durch die Pandemie und ihre Folgen zusammengebrochen sind, haben die Schwächsten der Welt die Auswirkungen am stärksten zu spüren bekommen. Die Länder des globalen Südens sind nicht mehr in der Lage, ihre jährliche Kalorienzufuhr zu gewährleisten.

          Es muss wohl nicht gesagt werden, dass dies keine Zeichen eines Systems sind, das als nachhaltig bezeichnet werden kann. Es muss sich etwas ändern.

          crops, man holding crops

          Der Wendepunkt

          Die gute Nachricht ist, dass wir nun an einem Wendepunkt angelangt zu sein scheinen. Nichtregierungsorganisationen, politische Entscheidungsträger und Investoren werden sich der Tatsache bewusst, dass vernetzte Lieferketten nicht die widerstandsfähigsten sind und dass wir ihre zentralisierte und unflexible Natur neu überdenken müssen. Der Nachhaltigkeit von Lebensmitteln wurde auf der letzten Weltklimakonferenz („COP27“) sogar ein ganzer Tag gewidmet – ein Tag, an dem Regierungsvertreter erkannten, dass jegliche Zielsetzung im Bereich der Nachhaltigkeit nicht auf Kosten der Sicherheit gehen darf.

          Wir glauben, dass dies der Beginn eines pragmatischen Wandels in der Ernährung ist, der gleichzeitig die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung mit gesunder Ernährung (den sogenannten „gesunden Kalorien und Kohlehydraten“) sicherstellt. Darüber hinaus aber auch die Nutzung erneuerbarer Ressourcen auf eine Weise maximiert werden, die an das Klima angepasst und zugleich lokal begrenzt ist, um die negativen externen Effekte der industriellen Landwirtschaft auf ein Minimum zu reduzieren.

          Gleichzeitig sind wir jedoch der Meinung, dass sich die Gesellschaft mit den Kompromissen abfinden muss, die erforderlich sind, um nicht nur einen nachhaltigen Übergang zu erreichen, der auf die Maximierung unserer Umweltziele abzielt, sondern auch einen gerechten Übergang, der sicherstellt, dass auch unsere sozialen Ziele erfüllt werden.

          In der Praxis können wir zum Beispiel nicht einfach die Eiweißproduktion stoppen, den Einsatz von Kunstdünger verbieten oder die Pflanzenwissenschaften (z. B. Gen-Editing) ablehnen. Andererseits kann es sich die Welt aus ökologischer Sicht nicht leisten, diese Industrien ungehindert und unreguliert auszubauen. 

          Die Lösung liegt für uns in einem pragmatischen Weg – der „pragmatischen Mitte“. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, wie ein pragmatischer Ansatz für Lebensmittel aussehen könnte.

           

          Unsere Geschichte mit Lebensmitteln ist von Pragmatismus geprägt

          Es lohnt sich, einen Schritt zurückzugehen und darüber nachzudenken, wie weit unser Lebensmittelsystem in den letzten hundert Jahren gekommen ist.

          Viele Menschen sind oft schockiert, wenn sie erfahren, dass die jährliche Biokapazität unserer Erde für etwa 4 Milliarden Menschen ausreicht.[1] Anders ausgedrückt heißt das, dass die Erde ohne menschliche Unterstützung unter normalen Umständen nur etwa 4 Milliarden Menschen ernähren kann. Also hat sich irgendwann eine kleine, aber schlaue Gruppe von Menschen zusammengetan und überlegt, wie diese Grenze überschritten werden kann. Da die Weltbevölkerung gerade die 8-Milliarden-Grenze überschritten hat, hat die von ihnen gefundene Lösung offensichtlich funktioniert.[2]

          German scientists by the name of Fritz Haber and Carl Bosch

          Bei dieser „Gruppe“ handelte es sich um zwei deutsche Wissenschaftler namens Fritz Haber und Carl Bosch. Beide erhielten für ihre Arbeit schließlich den Nobelpreis und werden heute vor allem für die Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens geehrt – ein Verfahren zur Umwandlung von Wasserstoff und Stickstoff in Ammoniak bei extrem hohen Temperaturen von fast 500 °C.  

          Das Haber-Bosch-Verfahren ist vielleicht sogar eine der wichtigsten chemischen Reaktionen, die jemals synthetisiert wurden. 

          Und warum?  

          Weil es Ammoniak für für die breite Masse verfügbar machte.   

           

          Warum Ammoniak wichtig ist:

          Ammoniak ist das weltweit am häufigsten verwendete Düngemittel. Etwa 50 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ist auf Ammoniak angewiesen.[3] Durch Düngung wird die Pflanzenernährung verbessert, das Wachstum von Pflanzen gefördert, die Qualität der Ernte verbessert und letztlich erhält und steigert Düngern sogar die Bodenfruchtbarkeit.

          Ohne Ammoniak würde die Nahrungsmittelproduktion – zumindes im Rahmen unseres derzeitigen Systems – rasch zusammenbrechen. Einige Historiker behaupten sogar, dass die Erfindung von Haber-Bosch in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Grund dafür ist, dass die Zivilisation Mitte der 50er Jahre nicht zusammengebrochen ist – eine Zeit, in der die Welt in hohem Maße auf importierten Dünger aus Lateinamerika angewiesen war, dessen Verfügbarkeit nicht mit unserer ständig wachsenden Weltbevölkerung Schritt hielt.[4]

          Haber-Bosch ermöglichte es uns damals, unseren Planeten zu ernähren, und hat es uns auch im vergangenen Jahrhundert ermöglicht, unsere wachsende Bevölkerung zu ernähren. Es ist ein wahrer Beweis für den menschlichen Einfallsreichtum und seine Fähigkeit, in Zeiten der Not zu überleben. 

           

          Kraftstoff, Düngemittel und Lebensmittel

          Für viele Menschen ist es ein Schock, zu erfahren, dass Ammoniak aus Erdgas hergestellt wird. 

          In einer typischen modernen Anlage zur Herstellung von Ammoniak wird Erdgas zunächst in gasförmigen Wasserstoff umgewandelt. Das Verfahren zur Herstellung von Wasserstoff aus Kohlenwasserstoffen wird als Dampfreformierung bezeichnet. Der Wasserstoff wird dann mit Stickstoff kombiniert, um nach dem Haber-Bosch-Verfahren Ammoniak zu erzeugen.

          Flow diagram of the Haber-Bosch process

          Frei fließendes Erdgas garantiert also jedes Jahr die Ammoniakproduktion, die wiederum die Hälfte der weltweit verfügbaren Nahrungsmittel garantiert.[5]

          Bei der Umstellung auf eine nachhaltige Ernährung müssen wir daher das komplexe Zusammenspiel von Treibstoff, Düngemitteln und Lebensmitteln berücksichtigen. Indem wir diese Wechselwirkung erkennen, können wir auch pragmatisch über die Arten von Lösungen nachdenken, die zur Bewältigung unserer Ernährungsprobleme erforderlich sind.

          Denn die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts werden nicht dieselben sein wie die des letzten Jahrhunderts. Bei der Umstellung unseres Lebensmittelsystems müssen wir uns überlegen, welche Hebel wir wann betätigen müssen, um einen umsichtigen und keinen leichtsinnigen Übergang zu schaffen. 

           

          Fallstudie Sri Lanka: Wie es nicht laufen sollte

          Es ist möglich zu beobachten, was passiert, wenn ein pragmatischer Ansatz nicht verfolgt wird. Hierzu muss man nach Sri Lanka sehen.

          Im Frühjahr 2021 verbot das asiatische Land den Landwirten den Einsatz von chemischen Düngemitteln in ihren Betrieben, um die Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zu fördern. Dieser Schritt zwang die Landwirte, sofort und über Nacht auf organische Düngemittel umzusteigen.

          Was waren die Folgen?

          Die Produktion von Reis – dem Grundnahrungsmittel des Landes – brach in den darauffolgenden acht Monaten um fast 40 Prozent ein. Gleichzeitig schoss die Inflation in die Höhe und zwang die Staatskasse, zusätzlich 450 Mio. US-Dollar für den Import von Reis auszugeben, um das Defizit im eigenen Land auszugleichen, was das Vertrauen in die amtierende Regierung erschütterte. Als die Devisenreserven Sri Lankas rasch aufgebraucht waren, kam es zu einer sozialen Krise, die schließlich zu der berühmten Flucht von Sir Lankas Präsident Rajapaksa im Sommer 2022 führte.

          Heute sieht sich das Land mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten konfrontiert, und rund 30 Prozent der Einwohner Sri Lankas sind von Ernährungsunsicherheit betroffen.[6]

           

          Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert

          Der Fall Sri Lanka zeigt, dass selbst bei guten Absichten eine leichtfertige Politik katastrophale Folgen haben kann, wenn sie allein auf moralischen Richtlinien und nicht auf harten wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt. Das Beispiel verdeutlicht, dass Umstellungen, sei es im Energie- oder im Lebensmittelbereich, mit Sorgfalt und Besonnenheit durchgeführt werden müssen.

          Wie können wir also einen Weg in die Zukunft der Ernährung finden? Vor allem angesichts der Anfälligkeit und Fragilität, die wir derzeit in unserem Lebensmittelsystem beobachten können?

           

          Eine der Antworten liegt in der Dezentralisierung und Lokalisierung

          Auf Russland und die Ukraine sind fast 27 Prozent der weltweiten Weizenexporte und 16 Prozent der weltweiten Maisexporte zurückzuführen. Russland ist auch für fast 60 Prozent der weltweiten Sonnenblumenölexporte verantwortlich. Man stelle sich das Ausmaß der gegenseitigen Abhängigkeit vor, die dadurch entsteht!

          Russia dominates nitrogen fertiliser exports

          Dann ist da noch die Frage der Düngemittel. Bedenken Sie, dass Russland den globalen Ammoniakmarkt praktisch dominiert. Zusammen mit Weißrussland deckt es fast 20 Prozent der weltweiten Düngemittelnachfrage ab. Auch China deckt etwa 15 Prozent ab (China hat im Juli 2021 die Ausfuhr von Düngemitteln verboten). Wir sprechen hier von einem Drittel des Weltbedarfs, der von nur drei Ländern gedeckt wird.

          Global fertilizer exports from Russia 2019

          Der Übergang zu einer stärkeren Dezentralisierung bzw. Lokalisierung kann dieser “Gefährdung” entgegenwirken. Indem wir uns für weniger Abhängigkeit von außen und eine größere interne Autonomie entscheiden, können wir alles lösen, von nicht nachhaltigen Kosten/Inflation, der Sicherheit unserer Lebensmittelversorgung (und der Fähigkeit anderer, diese als Waffe einzusetzen) und Treibhausgasemissionen (z. B. Kohlendioxid, Methan und Lachgas) bis hin zum Schutz der Ökosysteme und der Artenvielfalt unserer Erde. Wir kümmern uns damit also auch um unsere eigene Gesundheit und unser Wohlergehen.

           

          Das Zauberwort „Anpassung

          Das, was wir essen, ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel und die rasche Verschlechterung unserer Umwelt. Schätzungen zufolge ist das globale Ernährungssystem für etwa 30 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, und mehr als die Hälfte davon ist allein auf die Fleischproduktion zurückzuführen.[7]

          Eine Ernährungsweise, die uns alle gut ernährt, ohne die planetarischen Grenzen zu überschreiten, kann den Flächenverbrauch, den wir heute (vor allem) für die Tierhaltung haben, erheblich reduzieren. Diese Flächen könnten der Natur zurückgegeben werden, um sie schließlich zu binden. 

          Bedenken Sie, dass die Landwirtschaft derzeit etwa ein Drittel der gesamten eisfreien Fläche nutzt; drei Viertel davon werden für die Weidehaltung und/oder die Futtermittelproduktion verwendet.[8] Ohne eine signifikante Anpassung unserer Ernährung ist es unwahrscheinlich, dass wir die im Pariser Abkommen festgelegten Ziele erreichen können.  

          Zusammenfassung

          Wir sind zuversichtlich, dass Wissenschaft und Technik in der Lage sein werden, einige der heutigen Herausforderungen im Bereich der Ernährung zu lösen, so wie Fritz Haber und Carl Bosch Mitte des 20. Jahrhunderts eine paradigmatische Erfindung machen konnten.

          Solange der menschliche Einfallsreichtum vorhanden ist, werden wir Wege finden, Lebensmittel (insbesondere gesunde Lebensmittel) zu skalieren und im Überfluss für alle Menschen auf unserem Planeten bereitzustellen. 

          Im Gegensatz zur Mitte der 50er Jahre stehen wir heute jedoch vor einer doppelten Herausforderung. Denn wir müssen nicht nur eine Lösung für die Sicherheit, sondern auch für die Nachhaltigkeit finden. 

          Letzteres ist ohne ein vernünftiges Maß an Anpassung nicht möglich, und zwar nicht nur von Seiten der Regierungen und Unternehmen, sondern auch von Seiten der Verbraucher. Angesichts der steigenden Lebensmittelkosten in diesem Jahr sehen wir bereits die Konvergenz von “nachhaltiger” Ernährung und “pragmatischer” Ernährung. 

          Die Lösung liegt sowohl in dieser Konvergenz als auch im Wandel: Wenn unser Ernährungsverhalten die biologischen Grenzen unseres Planeten respektiert, ist ein Ausweg aus bestehenden und zukünftigen Lebensmittelkrisen möglich.

           

          Verwandter ETF

          RIZF: Rize Sustainable Future of Food UCITS ETF

           

          Verweise:

          [1] Footprint Network, “Food security in a world of overshoot”, Juli 2022. Aufrufbar unter: https://www.footprintnetwork.org/2022/07/13/food-security-in-a-world-of-overshoot/

          [2] United Nations, “World population to reach 8 billion on 15 November 2022”, 2022. Aufrufbar unter: https://www.un.org/en/desa/world-population-reach-8-billion-15-november-2022

          [3] Research Gate, “The uses of ammonia by percentage”, 2022. Aufrufbar unter: https://www.researchgate.net/figure/The-uses-of-ammonia-by-percentage-99_fig1_294579196

          [4] Resilience, “The nitrogen fertilizer monkey trap”, Juli 2022. Aufrufbar unter: https://www.resilience.org/stories/2022-07-31/the-nitrogen-fertilizer-monkey-trap/

          [5] Research Gate, “The uses of ammonia by percentage”, 2022. Aufrufbar unter: https://www.researchgate.net/figure/The-uses-of-ammonia-by-percentage-99_fig1_294579196

          [6] DW, “Sri Lanka on brink of food crisis”, September 2022. Aufrufbar unter: https://www.dw.com/en/sri-lanka-on-brink-of-food-crisis-after-economic-meltdown/a-63139193

          [7] Our World In Data, “How much of global greenhouse gas emissions come from food?”, März 2021. Aufrufbar unter: https://ourworldindata.org/greenhouse-gas-emissions-food

          [8] Our World In Data, “Half of the world’s habitable land is used for agriculture”, November 2019. Aufrufbar unter: https://ourworldindata.org/global-land-for-agriculture

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