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      Geht Der Kauf

          Interview mit Dr. Amanda Reiman: Aussichten im Sektor medizinisches Cannabis

          In diesem Interview sprechen wir mit Dr. Amanda Reiman, Chief Knowledge Officer beim Researchhaus New Frontier Data, über die jüngsten Cannabisentwicklungen in den USA, Joe Bidens Maßnahmen hinsichtlich des Straferlasses bei Cannabisbesitz, die Entwicklungen der deutschen Gesetzgebung bis hin zu weltweiten Prognosen für den Sektor des medizinischen Cannabis.  

          WhiteHouse

          Tom Barker: Präsident Bidens Gnadenakt gegenüber Personen, die wegen einfachen Cannabisbesitzes inhaftiert wurden, scheint ein weiteres Zeichen für einen Stimmungswandel gegenüber der Legalisierung des Cannabis-Konsums für Erwachsene (und damit der Freizeitnutzung) zu sein. Könnte diese Entwicklung der medizinischen Nutzung von Cannabis zuträglich sein?

          Dr. Amanda Reiman: Ich stimme zu, dass die Ankündigung von Präsident Biden einen Kurswechsel in der Cannabispolitik signalisiert, wenn es um das Strafrecht geht. Allerdings liegt die öffentliche Unterstützung für medizinisches Cannabis USA-weit schon seit einiger Zeit bei etwa 80 Prozent. Im rein medizinischen Bereich haben wir in letzter Zeit einige kleine Verbesserungen gesehen. Einer davon ist das Ende des Monopols des National Institute on Drug Abuse (“NIDA”) auf den Cannabisanbau zu Forschungszwecken. Früher war Cannabis die einzige Droge des sogenannten 1. Anhangs („schedule 1“) des Controlled Substances Act und durfte somit von Forschern ausschließlich vom NIDA und von keiner anderen Quelle bezogen werden. Wissenschaftler versuchten jahrzehntelang, an dieses Cannabis zu gelangen (das von schlechter Qualität ist und somit nicht repräsentativ für den gesamten Cannabis-Markt ist), aber das NIDA lehnte jedes Ansuchen ab, selbst wenn dies mit dem Motiv gestellt wurden, den möglichen gesundheitlichen Nutzen von Cannabis zu untersuchen.

          Erst vor ein paar Jahren kündigte das Institut dann an, sein Monopol aufgeben zu wollen und Anträge von Forschern anzunehmen, die Cannabis im Rahmen einer sogenannten Schedule 1-Lizenz des DEA ansuchten. . Dieses könne laut NIDA für Forschungszwecke im Rahmen von staatlich finanzierten Zuschüssen verwendet werden. Dr. Sue Sisley in Arizona war eine der ersten Forscher, die diese Lizenz erhielt, und sie hat erfolgreich Phase-1- und Phase-2-Studien mit ganzpflanzlichem Cannabis gegen Schmerzen abgeschlossen. Bislang ist es ihr noch nicht gelungen, die Finanzierung der Phase-3-Studie zu sichern. 

          Derzeit ist Biden im Begriff, das erste eigenständige Cannabisgesetz zu unterzeichnen. Es handelt sich um ein Forschungsgesetz, das der Erforschung von medizinischem Cannabis dienen soll. Der Gesetzesentwurf sieht zum einen eine Frist vor, innerhalb derer der US-Generalstaatsanwalt auf Anträge reagieren muss und soll zum anderen eine Verbesserung der Effizienz für Wissenschaftler bringen, die eine größere Menge Cannabis untersuchen wollen. Dass es große Anstrengungen benötigte, den Gesetzesentwurf durchzusetzen, zeigt, wie festgefahren die US-Bundesregierung in der Frage des medizinischen Cannabis noch ist. Die letzte Anweisung, die wir – abgesehen von den jüngsten Begnadigungen – von der Biden-Regierung erhalten haben, ist ein Memorandum, in dem versprochen wird, dass sich die Bundesregierung nicht in die medizinischen Cannabisprogramme der Bundesstaaten einmischen wird, es sei denn, es werden bestimmte Bedingungen erfüllt, wie beispielsweise Beweise im Zusammenhang mit anderen Straftaten, Schusswaffen usw. Es gibt weitere, umfassendere Forschungsgesetze, aber sie haben es schwer, den Kongress zu passieren und werden es wahrscheinlich auch weiterhin schwer haben, solange die Republikaner das Repräsentantenhaus kontrollieren. 

          Um Ihre Frage zu beantworten: Ich glaube, dass das Thema medizinischen Cannabis in den USA bereits fest in der Öffentlichkeit verankert ist. Die meisten Bundesstaaten haben eine Art medizinisches Cannabisprogramm und die, die es nicht haben, werden es wahrscheinlich nicht einführen, selbst wenn es eine bundesweite Legalisierung gibt – solange sie diese Legalisierung umgehen können. Es ist auch sehr gut möglich, dass die Bundesregierung die Einstufung von Cannabis neu festlegt, eine Ausnahmeregelung für bereits bestehende staatliche Programme schafft, den Staaten die Möglichkeit gibt, Programme für den Gebrauch durch Erwachsene (und damit die Freizeitnutzung) einzuführen, diese Programme besteuert und dann Medikamente auf Cannabinoidbasis, die von der Versicherung übernommen werden (wie Sativex), durch die Gesundheitsbehörde FDA zulässt.

           

          MedicalCannabis

          Tom Barker: Auf welche Weise könnte der Secure and Fair Enforcement Act (“SAFE”) in den USA dazu beitragen, Kapital in den medizinischen Cannabissektor fließen zu lassen?

          Dr. Amanda Reiman: Sowohl für Anbieter von medizinischem Cannabis als auch Cannabis für „Erwachsenengebrauch“ und ihre Zulieferer wird der Zugang zu Banken helfen, den Kapitalfluss in Gang zu bringen. Eigens für medizinischen Cannabis werden spezielle Kreditzinsen und andere auf die Gesundheitsbranche bezogene Bankdienstleistungsangebote verfügbar sein. Darüber hinaus wird auch der Zugang zu Versicherungen und anderen Unternehmensdienstleistungen wahrscheinlich günstiger, sobald der Zugang zum Bankwesen frei ist. Gegenwärtig müssen alle Cannabisunternehmen aufgrund des Risikos, das mit der Zusammenarbeit mit Zahlungsdienstleistern verbunden ist, sehr hohe Nutzungsgebühren zahlen. Diese Gebühren dürften sinken, sobald das Risiko sinkt. Und da der Betrieb einer medizinischen Cannabisanlage einem höheren Maß an Kontrolle und Haftung unterliegt als Einrichtungen für den Erwachsenengebrauch, werden vernünftigere Gebühren in diesen Bereichen den medizinischen Cannabisanlagen am meisten zugutekommen. Wie für alle Cannabisunternehmen würde der SAFE Banking Act zudem den Zugang zu kleinen Geschäftskrediten und anderen Finanzdienstleistungen, einschließlich Krediten, erleichtern.

          Tom Barker: Könnte die Legalisierung von Cannabis für den Gebrauch durch Erwachsene in Deutschland einen Präzedenzfall für den Rest Europas schaffen?

          Dr. Amanda Reiman: Auf jeden Fall! Wenn man sich die USA ansieht, verhielten sich die Bundesstaaten wie Dominosteine. Als die einzelnen Staaten Vorschriften erließen, erfanden sie das Rad nicht neu, sondern übernahmen die Versionen der Vorschriften, die andere Staaten bereits vor ihnen erlassen hatten. So fielen die Dominosteine im Laufe der Zeit immer schneller, denn sobald die Politik in allen Staaten erkannte, dass die Vorschriften anderswo vorbildlich waren, war sie eher bereit, selbst zu handeln. Keiner wollte der erste sein, aber als es dann so weit war, stürzten sich viele Staaten auf einmal auf Cannabis. 

          Tom Barker: Sollte Cannabis in Deutschland zum Erwachsenengebrauch zugelassen werden, würde dies dem medizinischen Cannabissektor in Europa zugute kommen?

          Dr. Amanda Reiman: Ja, das wird dem medizinischen Sektor zugutekommen, weil Cannabis normalisiert und in die breite Öffentlichkeit gebracht wird. Je mehr Menschen den Cannabiskonsum in der Öffentlichkeit und durch eine Vielzahl von Menschen sehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie es selbst ausprobieren oder zumindest ihre Meinung darüber ändern. Allerdings wird die Akzeptanz durch einige Dinge beeinträchtigt. Einer davon ist der Weg, den die Menschen gehen müssen, um medizinisches Cannabis zu erhalten. In den USA gibt es in einigen Staaten einen sehr einfachen Weg, um den offiziellen „Status“ eines Patienten zu erhalten. In anderen ist dieser Prozess hingegen sehr mühsam. Wenn der Weg zum Patientenstatus zu schwierig ist, werden die Menschen das Programm selbst dann nicht nutzen, wenn es eigentlich legal ist.

          Das andere große Thema ist der Zugang zu Kapital, damit Unternehmen, die medizinische Cannabispatienten versorgen, florieren können. Vieles davon wird von der Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft in Bezug auf den Zugang zu medizinischem Cannabis abhängen. Wenn sich ein Land und eine Kommune nicht einig sind, ob es einen Zugang geben soll oder wie er aussehen soll, wird dies das Programm gefährden. Selbst in Ländern wie Kanada, in denen Cannabis auf Bundesebene legal ist, gibt es Probleme an Orten, die liberaler sein wollen als die Bundesregierung. Die nationalen Vorschriften sind zudem nicht so unternehmensfreundlich, wie manche es gerne hätten. Es ist also schwierig, die gesamte Nation darauf einzustimmen, wie Cannabis reguliert werden sollte, aber nur so ist ein reibungsloser Übergang möglich. Dies wird wahrscheinlich einige Zeit in Anspruch nehmen.

          Cannabis Plant

          Tom Barker: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der sich ändernden Einstellung gegenüber Cannabis für den Erwachsenenkonsum und dem Wachstum im Bereich des medizinischen Cannabis?

          Dr. Amanda Reiman: Ja, jede Liberalisierung des Zugangs zu Cannabis – sei es für medizinische Zwecke oder für den Gebrauch durch Erwachsene – scheint den Konsum zu normalisieren und zu weiteren Reformen zu führen. Dennoch ist die Unterstützung für medizinisches Cannabis extrem hoch. Es geht also nicht nur darum, dass sich die Einstellung ändert, sondern auch darum, dass die Politiker die Gesetzesänderung und die Entwicklung der nachfolgenden Vorschriften vorantreiben müssen. Die Öffentlichkeit hat bereits für medizinisches Cannabis gestimmt und die zunehmende Unterstützung für die Verwendung durch Erwachsene bestätigt nur, was in der öffentlichen Meinung längst der Fall ist.

          Tom Barker: Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen dem Markt für den Gebrauch durch Erwachsene und dem Markt für medizinische Zwecke? Ergänzen sich beide Märkte gegenseitig?

          Dr. Amanda Reiman: Laut der Verbraucherumfrage, die wir bei New Frontier Data durchführen, sagen die meisten Verbraucher, dass sie Cannabis sowohl für medizinische Zwecke als auch für den Gebrauch durch Erwachsene nutzen. Die Hauptgründe, die Verbraucher für ihren Cannabiskonsum angeben, sind in der Tat Entspannung und Schmerzbehandlung. Der eigentliche Unterschied liegt also in den Gesetzen. In den Staaten, in denen sowohl medizinisches Cannabis als auch Cannabis für Erwachsene erhältlich ist, ist die Motivation, medizinischer Cannabispatient zu werden, auf die sonst entstehenden Kosten und den erleichterten Zugang zurückzuführen. Die meisten Staaten, in denen es beide Programme gibt, bieten finanzielle Anreize für Patienten (in der Regel Steuererleichterungen) und gestatten ihnen den Erwerb und Besitz größerer Mengen von Cannabisblüten in Form von Fertigprodukten. In Staaten, die nur die medizinische Nutzung erlauben und dafür eine begrenzte Liste zugelassener Krankheiten bereitstellen, gibt es immer noch viele Menschen, die außerhalb dieses regulierten Marktes konsumieren, und zwar sowohl für medizinische Zwecke als auch für den Gebrauch durch Erwachsene, sie werden nur nicht von dem lizenzierten Programm erfasst. Was die Produkte betrifft, die von Konsumenten für medizinische Zwecke bzw. für den Gebrauch durch Erwachsene eingenommen werden, so ist die Cannabisblüte für beide Gruppen das wichtigste Produkt. Tinkturen und topische Produkte hingegen werden häufiger von medizinischen Konsumenten verwendet. Die Konsumenten, die ausschließlich medizinische Produkte konsumieren, sind in der Regel älter und weiblich, so dass die Produkte für Frauen eher auf die medizinischen Konsumenten ausgerichtet sind. 

          Tom Barker: Welche Rolle spielt medizinisches Cannabis in der großen Pharmaindustrie?

          Dr. Amanda Reiman: Bislang in den USA keine große. Rein pflanzliches Cannabis ist aufgrund seiner Komplexität naturgemäß sehr schwer durch das FDA-Verfahren (das Zulassungsverfahren der nationalen Gesundheitsbehörde FDA) zu bekommen. Die FDA strebt in ihren Zulassungsverfahren nach Mitteln, in denen nur eine Chemikalie für nur eine bestimmte Wirkung verantwortlich ist. Ganzpflanziges Cannabis funktioniert nicht auf diese Weise. Hinzu kommt, dass aufgrund des „Schedule-1“-Status von Cannabis die klinische Forschung extrem schwierig ist, insbesondere für diejenigen, die nach den gesundheitlichen Vorteilen von Cannabis suchen, da die NIDA 80 Prozent der weltweiten Arzneimittelforschung finanziert. Länder wie Israel und Spanien waren den USA in der Cannabisforschung weit voraus. Sativex ist zum Beispiel in den USA nicht zugelassen. Wenn Cannabis wieder zugelassen wird, könnte Big Pharma einen viel größeren Anteil daran haben. Dies könnte die Hürden für die klinische Forschung und die Kosten für die Durchführung von Studien senken. Man hätte die Gewissheit, dass das Medikament, wenn es zugelassen wird, auf dem US-Markt erhältlich sein wird.

          Tom Barker: Welches sind derzeit die vielversprechendsten (nachgewiesenen) Anwendungsfälle für medizinisches Cannabis?

          Dr. Amanda Reiman: Derzeit sind die bewährtesten Anwendungsgebiete für Cannabis Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen, aber auch chronische Schmerzen und Spastizität. Natürlich gibt es eine Unmenge von Symptomen und Erkrankungen, bei denen Menschen Cannabis nutzen  und über Vorteile berichten. Aufgrund der Hindernisse in der Forschung war es jedoch schwierig, kontrollierte Studien zu anderen Erkrankungen durchzuführen, um die Wirksamkeit zu testen. Noch schwieriger war es, Forschungsarbeiten über den Konsum bei psychischen Erkrankungen zu finanzieren. Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich die eventuelle Zulassung auswirkt!

          Tom Barker: Vielen Dank für Ihre Zeit, Amanda, das war wirklich aufschlussreich.

           

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